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TWIN light von Nomad-SattelserviceTWIN light von Nomad-Sattelservice

Als erstes muss man sich im Klaren sein, was der Sattel erfüllen soll, bzw. erkennen, was ein beliebig gewählter Sattel überhaupt leisten kann und was nicht, wenn man keinen geeigneten Sattel suchen, bzw. bauen lassen will oder kann.

Sinn und Zweck eines Sattels ist die Verteilung des Reitergewichtes auf die belastbaren Bereiche des Pferderückens, sowie die Platzierung des Reiters an die, für die gewählte Reitweise, bestmögliche Position, mit den dafür erforderlichen Einwirkungsmöglichkeiten.

Beim Reiten ohne Sattel wirkt das komplette Gewicht auf einen sehr kleinen Bereich im mittleren Teil der Wirbelsäule. Dies ist für die meisten Pferde auf Dauer schädlich. Zumal die Wirbelsäule komplett freigestellt sein sollte. Ebenso, wie der Widerrist und der seitlich am Widerrist angesetzte Trapezmuskel, der unter Druck die vorwärts-abwärts Dehnung des Halses blockiert, was wiederum Voraussetzung für das gleichzeitige Aufwölben der Wirbelsäule und des Untersetzens der Hinterhand ist. Ein Sattel der auf den Trapezmuskel drückt, ist wie ein Stock in den Speichen eines Rades.

Belastbar ist der Bereich seitlich der Wirbelsäule, der vom großen Rückenmuskel abgedeckt wird. Begrenzt vorne durch die Schulter und hinten durch die Lendenpartie, die vom Pferd mit links/ rechts wechselnden, gleichzeitigen Seitwärts sowie Auf und Ab-Bewegungen zur Balance des unnatürlichen Reitergewichtes benötigt wird. Die vorhandene Fläche(Breite ca. 5-10 cm) sollte zum Wohl des Pferdes auch möglichst ausgenutzt werden, wobei von der Mitte, in der auch die wenigste Bewegung stattfindet, zu den Bewegungszonen vorne und hinten, der Sattel sich leicht öffnen sollte, soweit dieses Öffnen nicht die Stabilität beeinträchtigt.

Coloured Arabians  Foto: Gabriele Metz, www.gabriele-metz.deColoured Arabians Foto: Gabriele Metz, www.gabriele-metz.de

Die bestmögliche Verteilung des Reitergewichtes ist also wichtig, weil nicht alle Bereiche des Rückens auch belastbar sind, beziehungsweise die Belastbarkeit nicht überall gleich ist. Deshalb ist auch eine „absolut“ gleichmäßige Verteilung auf die belastbaren Bereiche weder jemals erreichbar noch erstrebenswert. Durch das Reitergewicht entsteht erstens Druck und zweitens Reibung, da weder der Reiter noch Pferd und Sattel sich jemals unbeweglich = statisch zueinander verhalten. Durch die größtenteils gegenläufigen Bewegungen von Pferd und Reiter entsteht eine Dynamik, die im Wesentlichen nicht vom Sattel bestimmt wird, aber von ihm möglichst „harmonisiert“ werden sollte. Da Pferd und Reiter in ständiger Bewegung sind, kann der Sattel seine Funktion am besten erfüllen, wenn er relativ ruhig und sicher auf dem Pferd liegt.

Für den Sattel gilt das gleiche Paradox, wie für das Reiten allgemein: Je gravierender die Einwirkung umso größer ist die natürliche Bewegungseinschränkung des Pferdes.

Aus diesen Tatsachen ergibt sich, dass ein Sattel nicht in erster Linie „passen“ muss, sondern die notwendige, der jeweiligen Reitweise entsprechende Passform, nur eine von mehreren Eigenschaften ist, die letztendlich die Funktionalität eines Sattels ausmachen. Der Begriff “passen“ sollte hier auch nicht statisch, sondern dynamisch verstanden werden. Der Sattel hat sich als Mittler in eine sich ständig verändernde dynamische Interaktion von gegenläufigen Bewegungsmustern einzufügen. Um eine kontinuierliche herkömmliche Passform zu gewährleisten, braucht es eine feste Komponente, die man als Sattelbaum bezeichnet.

Dieser feste Baum kann auch in einzelnen Bestandteilen oder komplett aus flexiblen Materialien sein, muss aber um seine kontrollierbaren Eigenschaften zu behalten, in der Bewegung zügig immer wieder in seine Ausgangsform zurückgehen. Dies ist bei Baumlosen oder Halb-Baumlosen nicht der Fall. Bei Baumlosen Sätteln hat man es mit einer kontinuierlichen Materialverformung und Erweichung zu tun. Das kann dazu führen, dass die ohnehin schon wandernden Druckspitzen im mittleren Bereich zunehmend einseitiger und unbeeinflussbarer werden können. Ein schlecht sitzender Sattel mit Baum irritiert das Pferd vor allem vorne und hinten, weshalb der einseitig mittig belastende Baumlose oft als Erlösung empfunden wird, was sich aber je nach Belastungsintensität und Belastungstoleranz des Pferdes mehr oder weniger schnell ins Gegenteil wandeln kann.

Ein Sattel, der komplett aus flexiblen Materialien besteht und trotzdem langfristig nicht schädlich für das Pferd sein soll, müsste sehr differenziert aus unterschiedlichen Schichten mit Materialien unterschiedlicher Festigkeit aufgebaut sein und dem jeweiligen Pferd und Reiter in komplexer Weise angepasst werden, sowie durch Bearbeiten und Austauschen der Materialien in gleicher sorgsamer und wissender Manier wieder veränderbar sein. Das ist weder billig noch beliebig.

Um den unvermeidlichen Baum herum baut man aus flexiblen Materialien, wie Leder, Schaumstoff, Filz, Fell oder Stoff oben den Sitz für den Reiter und unten die Polsterung oder Skirts. Form des Sitzes und des Unterbaues haben neben der Passform des Baumes maßgeblichen Anteil an der Druckverteilung.

Die flexiblen Komponenten eines Sattels werden von den individuellen Bewegungen des Reiters und des Pferdes verformt.

Wegen dieser Verformbarkeit, die der Asymmetrie von Pferd und Reiterbewegungen geschuldet ist, kann ein Sattel weder symmetrisch gebaut werden noch könnte eine Symmetrie eine dauerhafte und sinnvolle Eigenschaft eines Sattels sein. Wenn sich ein Sattel auf einem Pferd so schief legt , dass man eingreifen muss, ist fast immer der Sattel nicht gerader (was ja gar nicht geht!!) sondern nur adäquat schief zu machen.

Ob ein schwererer oder leichterer, längerer oder kürzerer Sattel ruhiger liegt, ist je nach rassespezifischem Bewegungsmuster unterschiedlich. Ein Quarter, der mit extrem hohem, selbsttragendem, stark bemuskelten Rücken in actionbetonter Westernreitweise geritten wird, braucht dafür zwingend einen Sattel, der genügende Stabilität bietet. Hier ist der traditionelle Westernsattel mit seinem Gewicht und seiner Länge erste Wahl und richtet keinerlei Schaden an. Die Bedeutung des Gewichtes eines Sattels fürs Pferd wird zumeist überbewertet, da zum Beispiel 5kg für einen Menschen gravierend sein können, wenn er sie tragen muss, aber für ein Pferd in der Relation gering sind. Vergleichbar mit dem Tragen oder Nichttragen eines Sweatshirts beim Menschen. Wenn ein schwererer Sattel eine bessere Gewichtsverteilung und Stabilität bietet ist er vorzuziehen.

Foto: Regina Kaute pixelio.deFoto: Regina Kaute pixelio.de

Hierzulande wird eine, auf Klassischer Reitweise basierende Englisch- und Freizeitreiterei betrieben, bei der die ohnehin schon eher tiefrückigen Pferde zumeist gedrosselt und gebogen ohne Selbsthaltung geritten werden. Da ist ein langer starrer Sattel vom Pferd kaum noch zu kompensieren. Die Funktionalität der Englisch-Sättel hat sich diesem Negativ-Trend optimal angepasst und hat zu Gunsten eines schmalen Spalt- und Klammersitzes mit Monsterpauschenunterstützung, die für das Pferd wichtige Breite der Auflagefläche des Baumes völlig vernachlässigt. Die Auflagefläche beschränkt sich zumeist auf die Kante der Sitzschale. Die Folge ist häufig, dass wegen der fehlenden Breite die Kissen vorne nicht tief genug angesetzt werden können, um den Trapezmuskel ausreichend freizustellen. Da ein breiterer Baum auch gleichzeitig in seiner Winkelung und Biegung den unvermeidlichen körperlichen Veränderungen des Pferdes angepasst werden müsste und dieses erstens technisch ungleich schwieriger zu bauen und zweitens auch kompetentere Servicekräfte benötigen würde, wird das Thema von vielen Fachleuten nicht angesprochen, wenn nicht explizit nachgefragt wird.

Ein tauglicher Sattel, der dann auch sein gutes Geld wert ist, sollte also auf jeden Fall einen Baum haben, der in der Mitte eine mindestens 5cm, besser 8 cm breite Auflage hat, vorne und hinten eher mehr (bis zu 15 cm). Diese Auflage sollte in Winkelung und Biegung veränderbar sein. Die Polster oder Skirts, die vorne so tief anzubringen sind, wie es der Trapezmuskel erfordert, sollten leicht veränderbar oder austauschbar sein, da unterschiedliche Pferde in unterschiedlichen Reitweisen und Ausbildungsphasen auch unterschiedliche Unterbauten brauchen.

Der Sitz sollte dem Reiter genügend Bewegungsfreiheit lassen und ihn nicht auf einen Punkt festschrauben. Leider ist dies bei Anfängern und unsicheren Reitern beliebt und wird deshalb auch oft angeboten.

Als verantwortungsvoller Reiter und/oder Pferdebesitzer sollten sie sich möglichst die erforderlichen Kenntnisse über Sättel selbst auch aneignen, damit sie klar formulieren können, was sie genau wollen, wenn sie einen Sattel für ihr Pferd, seine und ihre Bedürfnisse neu gebaut oder umgebaut haben wollen! Denn letztendlich ist es die bessere Wahl, wenn man sich zielorientiert einen optimalen Sattel sucht oder aber noch besser bauen lässt. Bestimmt gibt es auch in Ihrer Nähe einen Sattelexperten, der Sie hinreichend beraten kann und für Ihr Pferd und Ihre Bedürfnisse den geeigneten Sattel hat oder bauen kann.

 

Text: Hakan Dinekli, Sattelexperte und mehrfacher NRW- und Deutscher Meister im Distanzreiten